Lebendige Begegnung mit der Vergangenheit

Die AG „Lebendige Begegnung mit der Vergangenheit – Krieg, Holocaust, Frieden?“

(Eine Begegnung mit der deutschen und europäischen Geschichte im 2. Weltkrieg)

 

Die AG „Lebendige Begegnung mit der Vergangenheit – Krieg, Holocaust, Frieden?“ wird seit 2008 alle zwei Jahre für Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 10 und 11 angeboten. In den bisherigen fünf „Durchläufen“ nahmen insgesamt 105 Schülerinnen und Schüler daran teil. Ziel war und ist es, die Schülerinnen und Schüler für ihre Vergangenheit zu sensibilisieren, so dass sie zu mehr Toleranz im Miteinander kommen. Kernstück der AG sind die Fahrten nach Ysselsteyn in den Niederlanden und nach Opole und Oswiecim/Auschwitz in Polen. In Ysselsteyn befindet sich eine Kriegsgräberstätte mit über 32.000 Gräbern gefallener Soldaten der beiden Weltkriege. An einem Wochenende werden der Friedhof und die Begegnungsstätte des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ zum Ort der konkreten Auseinandersetzung mit dem Krieg, seinen Tätern und seinen Opfern. Das riesige Gelände des Friedhofs wird sowohl bei Tag als auch bei Nacht erkundet, Einzelschicksale werden genauer untersucht und ausgewertet. Ganz individuell und möglichst authentisch werden die gewonnenen Eindrücke künstlerisch umgesetzt. Bettlakengroße Kunstwerke zum Thema Krieg, Tod aber auch Hoffnung sind so schon entstanden und im Markt der Schule ausgestellt worden. Bei einem Besuch in Ysselsteyn hat eine Schülergruppe auch mit Stacheldraht das Erlebte zum Ausdruck gebracht. Für viele Schülerinnen und Schüler der ersten Durchgänge war das Zeitzeugengespräch mit Herrn de Winter ein Höhepunkt der Fahrt. Herr de Winter berichtete fesselnd von seinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs – vom brennenden Rotterdam, von seiner jüdischen Freundin, die in Auschwitz umkam und von seinem eigenen Aufenthalt im und seiner Flucht aus einem Konzentrationslager in den Niederlanden. In den folgenden Jahren haben weitere Zeitzeugen aus Holland ebenso faszinierende und auch ergreifende Schicksale vorgestellt. Allen gemeinsam ist der Wunsch nach einem miteinander und gemeinsamen Verstehen der verschiedenen Kulturen, aus der festen Überzeugung heraus, dass dies Kriege verhindern kann. Das Wochenende in Ysselsteyn bietet viel Zeit, um das Erlebte und anderes gemeinsam zu reflektieren.

Eine Woche lang dauert die Fahrt nach Opole und Auschwitz. In Opole – der Partnerstadt Mülheims – ist Gelegenheit, mit polnischen Schülern in Kontakt zu kommen und das Leben in Polen näher kennen zu lernen, bevor der weitere Teil der Fahrt sich ganz konkret am Ort des Schreckens mit dem Holocaust beschäftigt. Der Aufenthalt in Opole bringt die Schülerinnen und Schüler aus Polen und Deutschland zusammen und ermöglicht so einen regen Austausch über die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges. Gemeinsam erfahren die Schülerinnen und Schüler aus der Partnerschule „Nr. 5“ sowie die Teilnehmer der AG etwas über den polnischen Widerstand anhand von Film- und Quellenmaterial, erleben aber auch durch gemeinsame Freizeitaktivitäten mit den polnischen Schülerinnen und Schülern das Leben in Polen heute. Auch der Besuch des Museums des Lagers Lamsdorf/Lambinowice mit einem intensiven Vortrag zur Geschichte des Lagers gibt Anlass zu intensiven Diskussionen zwischen den polnischen und deutschen Schülern über die unterschiedliche Vergangenheit und die Verantwortung, die daraus erwächst, aber auch darüber, dass es heute wieder ein gutes Verhältnis untereinander gibt. Dies zeigte sich jedes Mal im unbeschwerten Umgang miteinander bei den Treffen sowohl in der Schule als auch abseits des offiziellen Programms.

Das Programm in Auschwitz / Oswiecim besteht in erster Linie aus dem Besuch des Stammlagers und des Vernichtungslagers Birkenau. Hier werden durch gut ausgebildete Guides in den Führungen die Greuel in den Lagern deutlich.

Die Abende dienen dann der Aufarbeitung des Erlebten. Neben den Führungen beteiligt sich die Gruppe an Erhaltungsarbeiten im Stammlager. Bei den Fahrten gab es zudem Zeitzeugengespräche mit Überlebenden aus dem Lager. Die Erlebnisse aus dem Lager von einem Häftling persönlich erzählt zu bekommen ist ein äußerst emotionales Ereignis. Zusätzlich zum Besuch der Lager haben die Gruppen eine Stadtführung in Oswiecim, bei der die alte Synagoge aufgesucht wird und das frühere jüdische Leben der kleinen Gemeinde vorgestellt wird. Außerdem besuchen wir die Ausstellung des Häftlings Marian Kolodziej im Kloster Harmeze. In dieser hat der Künstler eindrucksvoll seine Erlebnisse im Lager festgehalten.

 

Neben den Fahrten finden weitere Programmpunkte im Ruhrgebiet statt. Fester Bestandteil sind dabei Zeitzeugengespräche, das Erkunden von Orten der NS-Vergangenheit in Mülheim sowie die Teilnahme an diversen aktuellen Aktionen zum Thema. Dazu gehörten u.a. der Besuch des „Zugs der Erinnerung“ in Essen, der Besuch eines Israel-Seminars sowie die Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen zum 9.11.1938 und der Befreiung des Lagers Auschwitz am 27.1.1945. Fester Bestandteil ist auch der NS-Film „Jud Süß“ zur Propaganda in der NS-Zeit mit anschließender Diskussion und Bewertung der Wirkungsweise. In diesem Zusammenhang wird auch das weitere propagandistische Vorgehen des NS-Staates anhand von Quellen bearbeitet. Wichtig ist als fester Programmpunkt auch der Besuch einer heimischen Synagoge und eines Workshops im Bunkermuseum Oberhausen, um auch den Aspekt des Bombenkrieges zu beleuchten. Beim historischen Rollenspiel unter dem Titel „Gefrierfleischorden“ schlüpften die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung des historischen Rollenspielers Olaf Fabian-Knöpges in die Rolle von Zwangsarbeitern. Herr Fabian-Knöpges vermittelt durch sein Rollenspiel unter anderem sehr anschaulich Aspekte des Gehorsams, der Unterordnung und der Willkür in einem totalitären System. Das für die meisten Schülerinnen und Schüler bei dem Rollenspiel sehr intensive Erleben der eigenen Rolle wird in einer Nachbesprechung ausführlich reflektiert.

Viele Teilaspekte der AG wurden medial festgehalten. Bei der ersten Gruppe in eigenen kleinen Filmen, bei der zweiten Gruppe in einer Radiosendung, die im Rahmen des Bürgerfunks in Oberhausen/Mülheim unter Mithilfe des Bürgerfunkers Walter Bardenheuer entstand und gesendet wurde und in den weiteren Gruppen in einem Tagebuch, in dem Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken und Gefühle festgehalten haben.

Unser besonderer Dank gilt dem Verein zur Förderung von Städtepartnerschaften und der Sparda-Bank West für die finanzielle Unterstützung der AG.

 

 

Die Projektleiter (Dr. Roland Guderley, Markus Bergmann)